Was wir jungen Menschen mit auf den Weg geben können

yoga in der klasse

Wer junge Menschen begleitet, spürt, wie viel in ihnen in Bewegung ist: Gedanken, Gefühle, die Frage, wer sie sind und wer sie sein wollen. Und je länger ich das tue, desto öfter stelle ich mir die Frage: Was können wir ihnen mitgeben, das ihnen Sicherheit und Orientierung gibt? Vielleicht kennst du diese Frage auch – diesen Wunsch, deinen Schüler*innen mehr mitzugeben als den Unterrichtsstoff.

Ein kleiner Moment aus meiner eigenen Zeit als Lehrerin hat mir gezeigt, wie viel mehr das sein kann.

„Wir warten dann draußen“

Es war nach einer Achtsamkeitsstunde, die Klasse war schon fast draußen, da blieben drei junge Männer aus einem Abiturjahrgang zurück. Zwei von ihnen sagten: „Wir warten dann draußen“ – und ließen ihren Freund mit mir allein. Ich kannte ihn nicht. Ich unterrichtete ihn in keinem Fach; er war zu der Stunde gekommen, vielleicht, weil er von anderen gehört hatte, dass Achtsamkeit guttun soll. Und dann öffnete er sich mir: „Ich habe Liebeskummer. Ich weiß nicht, wohin mit mir. Und ich weiß vor allem nicht, wie ich so fürs Abi lernen soll.“

Dieser Moment ist mir geblieben – gerade weil er so leise war. Da vertraut ein junger Mensch einer Lehrerin, die er kaum kennt, das an, was ihn wirklich beschäftigt. Nicht die Abiturvorbereitung. Sein Herz.

Und er zeigt etwas, das wir im Schulalltag so leicht übersehen: In jungen Menschen passiert so viel, das mit dem Unterrichtsbeginn draußen bleiben muss, weil keine Zeit dafür ist. Aber es verschwindet ja nicht. Es sitzt mit im Raum, es beschäftigt sie – und es beeinflusst, wie sie lernen können. Der Junge hat es selbst gesagt: Der Kummer und das Lernen ließen sich nicht trennen.

Für mich steckt darin eine Überzeugung, die dieses Projekt bis heute trägt:

Gefühle sind auch Inhalte, die in die Schule gehören – so wie Fachinhalte.

Was Achtsamkeit mir selbst gibt

Ich habe mich später gefragt, warum er ausgerechnet zu mir kam – zu einer Lehrerin, die er nicht kannte. Vielleicht, weil man spürt, wenn jemand Raum für so etwas hat. Und dieser Raum hat viel mit meiner eigenen Praxis zu tun.

Ich meditiere regelmäßig, um mit mir selbst in Verbindung zu kommen. Um mit dem Ort in mir in Verbindung zu kommen, den ich als meinen „inneren Kern“ bezeichne. Hier bin ich in der Stille angekommen. Hier kann ich (lerne ich) zu sein, mit allem, was gerade ist. Hier begegne ich mir selbst mit Mitgefühl.

Und weil ich diesen Ort in mir kenne – weil ich weiß, wie es sich anfühlt, dort anzukommen –, wünsche ich ihn jedem jungen Menschen. Einen Ort, an den sie sich wenden können, wenn im Außen gerade alles wankt. Der Junge mit dem Liebeskummer suchte genau das: nicht eine Lösung, sondern einen Halt.

Was Achtsamkeit in der Schule jungen Menschen gibt

Welchen Nutzen hat also eine Achtsamkeitspraxis für junge Menschen? Ich glaube, eine der wichtigsten Erkenntnisse, die wir ihnen durch die Praxis mitgeben können, lautet:

Du bist nicht deine Gedanken. Du bist mehr als deine Gefühle. Wut, Angst, Unsicherheit, aber auch Freude und Glück, sie sind ein Teil von dir – aber sie machen nicht aus, wer du bist.

Die Achtsamkeitspraxis bietet hier ein großes Lernpotential. Sie ermöglicht jungen Menschen, sich selbst mit anderen Augen zu betrachten:

  • Was, wenn ich mehr bin als meine Unsicherheiten?
  • Was, wenn ich mit einem Gefühl wie Wut oder Zweifel sein kann, ohne darauf zu reagieren?
  • Was, wenn ich mich mit einem Teil in mir verbinden kann, der größer ist als meine Gefühle? Der Teil in mir, der mit jeder Erfahrung sein kann, egal, wie schwer sie zu sein scheint?

Dies ist natürlich nicht einfach. Schon gar nicht, wenn sehr starke Gefühle aufkommen. Und noch weniger in einer Welt, die eher dazu geneigt ist, unsere Ängste und Zweifel gegen uns auszuspielen, als uns an unser inhärentes Gutsein zu erinnern. Doch wir können diese „Art zu sein“ lernen.

Wie sieht das aus, wenn junge Menschen das lernen? Meist nicht spektakulär. Es sind kleine Momente: Eine Klasse, die beim Gefühls-Check-in von selbst still wird, weil alle wirklich nachspüren. Ein Kind, das am Nachmittag noch einmal seinen Satz vom Morgen aufsagt – „Ich schaffe das, Schritt für Schritt.“ Eine Jugendliche, die vor der Klausur nicht mehr gegen ihre Nervosität ankämpft, sondern sagt: „Ich bin aufgeregt – und das ist okay.“ Oder eben ein Abiturient, der sich traut, seinen Kummer auszusprechen, statt allein damit zu bleiben.

Keiner dieser Momente lässt sich herbeiführen oder versprechen. Aber sie werden möglich, wo junge Menschen regelmäßig üben dürfen, bei sich selbst anzukommen.

Warum dieser Ort: die Schule

Man könnte fragen: Ist das nicht Aufgabe der Familie? Oder etwas für Kurse am Nachmittag? Vielleicht. Aber die Schule hat etwas, das kein anderer Ort hat: Hier sind alle. Nicht nur die jungen Menschen, deren Eltern Achtsamkeit kennen oder Kurse bezahlen können – alle. Der Junge aus der Abiturklasse hat Achtsamkeit nicht in einer App gefunden und nicht in einem Studio. Er hat sie in seiner Schule gefunden, weil sie dort einfach da war.

Und noch etwas spricht für die Schule: Hier zeigt sich täglich, dass Gefühle und Lernen sich nicht trennen lassen. Wer von Sorgen erfüllt ist, kann keine Vokabeln aufnehmen – jede Lehrkraft kennt das. Wenn Gefühle das Lernen ohnehin mitbestimmen, dann verdienen sie auch einen Platz im Klassenzimmer: nicht als Störung des Unterrichts, sondern als Teil von ihm.

Halt von innen statt von außen

Gerade junge Menschen suchen Sicherheit und Orientierung stark im Außen. Andere Menschen, andere Erfahrungen, andere Lebensstile. Eine Achtsamkeitspraxis bietet ihnen die Möglichkeit, den Fokus wieder verstärkt nach innen zu richten und das anzuzapfen, was bereits da ist. Das innere Wissen. Ihre innere Weisheit. Mit dieser Verbundenheit wächst auch das Zutrauen, in unsicheren Zeiten sicher und selbstbewusst zu agieren.

Dies ist ein Prozess. Ein lebenslanger Lernweg. Und er kann in der Schule beginnen.